Workbook
Soft Eyes

Soft Eyes

Über die Augen zur Ruhe.
Fünf alltagstaugliche Tools für überreizte Nervensysteme.

SOMA × TARALena Rothe

Hi, schön dass du hier bist

Wenn du das hier liest, kennst du dieses Gefühl: ständig „on“ zu sein. Schultern hochgezogen, Atem flach, der Blick irgendwo zwischen Bildschirm und nächster Aufgabe festgepinnt. Du weißt selbst, dass es so nicht weitergehen kann. Und gleichzeitig fühlt sich „runterkommen“ oft wie eine weitere Aufgabe an, die du auch noch schaffen sollst.

Ich bin Lena. 30, Yogalehrerin (500h), Somatic Practitioner. Ich begleite Frauen, deren Nervensysteme zu lange im Funktionieren waren und die jetzt einen Weg zurück zu sich suchen, ohne dass das ein Vollzeitprojekt werden muss.

Mein Weg in diese Arbeit war nicht gerade. Ich habe Yoga unterrichtet, bevor ich verstanden habe, was ein Nervensystem ist. Was mich am Ende überzeugt hat, war keine Methode. Es war eine Beobachtung: Die wirksamsten Tools sind nicht die, für die du dir 20 Minuten freischaufeln musst. Es sind die, die du in den Tag einwebst, ohne dass es jemand bemerkt.

Die Augen sind genau so ein Tool. Und das ist keine neue Idee.

Was die Augen damit zu tun haben

Warum die Augen?

Im Yoga ist der Blick (Drishti) seit Jahrtausenden ein Anker für Aufmerksamkeit. Das Ajna-Chakra, das „Dritte Auge“ zwischen den Brauen, gilt als Sitz innerer Wahrnehmung. Im alten Ägypten war das Auge des Horus Schutzsymbol und Sinnbild für ungeteilte Sicht. Schon im Hatha-Yoga gab es eine eigene Praxis des unverwandten Schauens.

„Mit ruhigem Blick und gesammeltem Geist auf einen feinen Punkt schauen, bis Tränen kommen, das nennen die Lehrer Trataka.“

Hatha-Yoga-Pradipika 2.32

Was die Yogis intuitiv erfahren haben, beginnt die moderne Forschung seit Mitte der 1990er Jahre anatomisch zu beschreiben. Die sechs Muskeln, die deine Augäpfel bewegen, werden über drei Hirnnerven gesteuert (Hirnnerven III, IV und VI). Deren Ursprungskerne liegen im Hirnstamm, in räumlicher Nähe zu den Kernen des Vagusnervs. Wichtig zu verstehen: Es gibt keine direkte Nervenverbindung zwischen Augen und Vagus. Was beschrieben wird, ist eine funktionelle Kopplung über die Nähe im Hirnstamm und über Aufmerksamkeit und Atmung.

Stephen Porges hat 1995 die Polyvagal-Theorie vorgestellt. Sein Social Engagement System umfasst vor allem Mimik, Stimme, Mittelohr und Herzregulation; auch der Blickkontakt spielt darin als soziales Sicherheitssignal eine Rolle. Die Augen-Praxis in diesem Workbook baut indirekt auf diesem Modell auf.

Drei Zustände, ein Nervensystem

Die Polyvagal-Theorie beschreibt drei Reaktionsmuster deines autonomen Nervensystems:

Der ventrale Vagus

Hier bist du sicher und in Verbindung.

Das sympathische System

Mobilisiert für Kampf oder Flucht.

Der dorsale Vagus

Schaltet ab, wenn weder Kampf noch Flucht möglich scheint.

Du wechselst zwischen diesen Zuständen, oft ohne es zu merken. In The Polyvagal Theory (2011) beschreibt Porges den Weg zurück in den ventralen Modus über das Social Engagement System: über Mimik, Stimme, Mittelohr und Augen.

„Safety is the treatment.“

Stephen Porges

Was Rosenberg daraus gemacht hat

Stanley Rosenberg, dänisch-amerikanischer Körpertherapeut, hat Porges' Theorie in konkrete Übungen übersetzt. In Accessing the Healing Power of the Vagus Nerve (2017) beschreibt er, wie Augen- und Kopfbewegungen den ventralen Vagus ansprechen sollen. Sein Erklärungsmodell beruft sich dabei auf die anatomische Nähe der Augenmuskel-Nerven zu den Vagus-Kernen im Hirnstamm.

Kurz zur Einordnung

Die Polyvagal-Theorie ist ein populäres und in der somatischen Arbeit weit verbreitetes Modell. Wissenschaftlich ist sie allerdings umstritten. Mehrere Fachpublikationen (u. a. Grossman 2023; Neuhuber & Berthoud 2022) stellen zentrale anatomische Annahmen infrage. Ich nutze sie hier als hilfreiches Erklärungsbild, nicht als gesicherte Tatsache.

Was sich gut sagen lässt: Die Übungen selbst sind sanft und können über bewusste Aufmerksamkeit, langsames Atmen und das Lösen von Augen- und Nackenspannung beruhigend wirken. Probier aus, was dir guttut, und behalte, was sich für dich stimmig anfühlt.

Genau hier setzen die fünf Tools dieses Workbooks an.

Bevor du beginnst

1 · Komm kurz an. Bevor du ein Tool wählst, halt einen Moment inne. Was zeigt sich gerade in deinem Körper: Anspannung, flacher Atem, Müdigkeit, Unruhe?

2 · Wähl das Tool, das dazu passt. Jedes Tool hat einen Schwerpunkt: Tool 1 öffnet, Tool 2 spricht den ventralen Vagus an, Tool 3 macht den Blick beweglich, Tool 4 beruhigt, Tool 5 löst Spannung über Bewegung.

3 · Probier es aus, beobachte den Körper. Mach das Tool genau in dem Moment, in dem du es brauchst. Beobachte hinterher kurz, was sich verändert hat.

Worauf es ankommt

Häufigkeit schlägt Dauer. Ein- bis zweimal eine Minute am Tag bewirkt über Wochen mehr als zwanzig Minuten einmal die Woche.

Übe, wenn es dir gut geht. Wenn du Tools nur dann holst, wenn dein System schon hochgefahren ist, sind sie nicht abrufbereit. Praktizier sie morgens, vor dem Schlafen, in ruhigen Pausen. Dann sind die Pfade da, wenn es schwer wird.

Der Moment danach. Nach jeder Übung: ein Moment Pause, um wahrzunehmen, was sich verändert hat. Auch wenn es „nichts“ zu sein scheint, ist das Information.

Veränderung in kleinen Schritten. Diese Tools verändern nichts schlagartig. Über Wochen wird etwas anders: du reagierst nicht mehr so schnell, kommst nach Stress leichter wieder runter, schläfst entspannter ein.

Tool 1

Peripheres Sehen öffnen

In 30 Sekunden vom Tunnelblick zurück in die Weite. Überall, ohne dass jemand etwas merkt.
Wann hilft esVor einem Meeting oder Call, in dem du dich anspannst. In Reizüberflutung: Supermarkt, Bahnhof, viele Stimmen gleichzeitig. Bei Bildschirm-Tunnelblick, wenn dein Blick seit Stunden festgepinnt ist.
Was es istDu kennst diesen Tunnelblick: Wenn du im Stress bist, fokussiert sich dein System eng auf das, was es als Bedrohung wahrnimmt. Alles andere verschwimmt. In Sicherheit ist es umgekehrt: Dein Blick wird weit, dein Körper darf weicher werden. Das funktioniert in beide Richtungen: Orientierst du dich bewusst weit im Raum, sendest du deinem System ein Signal: hier ist keine Bedrohung.

So machst du es

  1. Such dir etwas zum Schauen: einen Baum, eine Blume, eine Tasse, eine Wand. Lass deine Augen für einen Moment bei den Qualitäten dieses Objekts: die Textur, die Farbe, das Licht, das darauf fällt.
  2. Halt deinen Blick weich auf dem Objekt. Weite jetzt deine Aufmerksamkeit darum herum. Was siehst du am Rand deines Sehfelds: links, rechts, oben, unten? Der Kopf bleibt still, der Blick bleibt auf dem Objekt.
  3. Bleib hier für drei bis fünf Atemzüge. Das Objekt ist dein Anker. Alles drum herum darf da sein, ohne dass du es ansiehst.

▶ Diese Übung als geführte Audio-Session anhören →

Was hat sich verändert?Atem ein Stück tiefer geworden? Schultern gelöst? Hast du das Gefühl, der Raum hat sich geweitet, ohne dass sich physisch etwas verändert hat?

Lieber geführt?

Hör dir dieses Tool als geführte Augen-Session an, gemeinsam Schritt für Schritt durch die Übung.

Tool 2 · nach Stanley Rosenberg

Cardinal Points

Drei Minuten gezielte Beruhigung, im Sitzen oder Liegen.
Wann hilft esWenn du im Stress feststeckst. Vor dem Einschlafen, wenn dein System nicht runterkommt. Nach intensiven Gesprächen.
Was es istCardinal Points nutzt Augenbewegungen, um, nach Rosenbergs Erklärungsmodell, den ventralen Vagus anzusprechen. Die Idee dahinter: Wenn du deine Augen in eine Richtung hältst, beanspruchst du die kleine Muskulatur am oberen Nacken, direkt unter dem Hinterkopf. Diese Region liegt nah an den Hirnstamm-Kernen des Vagusnervs. Beginnt das System loszulassen, schickt dein Körper ein deutliches Signal: ein Gähnen, ein Seufzer, ein tiefer Atemzug, ein Schlucken.

So machst du es

  1. Sitz aufrecht oder leg dich auf den Rücken. Verschränk die Hände hinterm Kopf, wenn das angenehm ist. Das gibt deinem Nacken Unterstützung. Der Kopf bleibt während der ganzen Übung still.
  2. Schau, ohne den Kopf zu drehen, nach rechts, so weit, wie es ohne Anstrengung geht. Bleib dort. Warte, bis dein Körper das Release-Signal sendet (Gähnen, Seufzer, tiefer Atemzug, Schlucken). Das kann 30 Sekunden bis zwei Minuten dauern. Dann komm zurück in die Mitte.
  3. Wiederhole nach links, nach oben, nach unten. Jede Richtung, bis das Signal kommt, dann zurück in die Mitte.
Was hat sich verändert?Hast du während der Übung gegähnt, geseufzt oder tief geatmet? Nacken weicher, Kiefer entspannter? Atem tiefer, Puls ruhiger geworden?
Tool 3

Konvergenz & Divergenz

30 Sekunden Reset für müde Augen und einen Blick, der am Bildschirm festhängt.
Wann hilft esNach längerer Bildschirmarbeit. Wenn die Augen sich anstrengen und der Kopf voll wird. Vor Aufgaben, für die du klar denken willst.
Was es istWenn du stundenlang auf einen Bildschirm in immer gleichem Abstand schaust, bleiben deine Augenmuskeln in einer einzigen Position. Konvergenz (beide Augen nach innen) und Divergenz (beide Augen nach außen) bringen sie wieder in Bewegung, und damit auch die Hirnnerven, die sie steuern. Anders als Tool 2 geht es hier nicht um Vagus-Aktivierung, sondern um Beweglichkeit.

So machst du es

  1. Streck einen Arm aus und halt einen Finger oder Stift vor dich. Fokussiere auf die Fingerspitze.
  2. Bring den Finger langsam Richtung Nasenspitze, die Augen folgen mit. Stopp, bevor das Bild sich teilt. Halt einen Atemzug, dann zurück auf Armlänge.
  3. Schau jetzt über den Finger hinweg in die Ferne (Wand, Fenster, Pflanze) und wieder zurück auf den Finger. Wechsel den Fokus 5–7 Mal, langsam, ohne Anstrengung.
Was hat sich verändert?Augen weicher, weniger angespannt? Wandert dein Blick jetzt leichter, ohne festzuhalten? Gedanken klarer geworden, oder zumindest weniger zäh?
Tool 4

Warme Hände auf die Augen

Drei Minuten dunkel und warm. Die Übung für Tage, an denen du zu viel gesehen hast.
Wann hilft esVor dem Einschlafen. Bei Kopfschmerzen oder Augendruck. Nach Tagen mit zu vielen Eindrücken.
Was es istWenn du deine warmen Handflächen über die geschlossenen Augen legst, gibst du deinem Nervensystem in einer Geste drei Sicherheitssignale. Die Dunkelheit signalisiert: hier ist nichts mehr zu scannen. Die Wärme ist eines der ältesten Co-Regulationssignale, die dein Körper kennt. Und die Augenmuskeln, die seit dem Aufwachen in Bewegung sind, dürfen für ein paar Minuten still werden. Im Yoga ist diese Geste seit Langem bekannt, international heißt sie Palming.

So machst du es

  1. Reib deine Handflächen kräftig aneinander, bis sie deutlich warm sind.
  2. Setz dich oder leg dich hin und schließ die Augen. Leg die Handflächen wie Schalen darüber. Die Finger ruhen auf der Stirn, ohne Druck auf den Augäpfeln.
  3. Bleib drei Minuten. Atme, wie du sonst atmest. Die Wärme und die Dunkelheit machen den Rest.

Wenn du magst: Während die Wärme wirkt, lass ein Bild aufkommen: eine Person, ein Moment, etwas, das heute gut war.

Was hat sich verändert?Augen schwerer geworden? Atem tiefer, ohne dass du etwas tust? Ist eine andere Müdigkeit da, eine, die sich nach Ruhe anfühlt statt nach Erschöpfung?
Tool 5

Augenkreisen

Langsame Kreise, in denen jeder Augenmuskel einmal arbeitet und dann loslässt.
Wann hilft esMorgens, wenn die Augen schwer sind. Nach langer Bildschirmarbeit. Wenn du Spannung rund um die Augen bemerkst.
Was es istAugenkreisen ist eine alte Yoga-Übung. Du bewegst deine Augen langsam in vollen Kreisen, der Kopf bleibt still. Alle sechs Augenmuskeln arbeiten dabei in Folge: Anspannung in der Bewegung, Loslassen in der Pause. Die Geschwindigkeit entscheidet: langsame Kreise regulieren runter, schnelle drehen hoch.

So machst du es

  1. Setz dich aufrecht. Der Kopf bleibt die ganze Übung still.
  2. Beweg deine Augen langsam im Kreis: oben, rechts, unten, links, zurück nach oben. Drei volle Kreise. Weiche Bewegung, keine ruckartigen Stopps.
  3. Halt einen Moment in der Mitte. Dann drei Kreise in die andere Richtung. Am Ende: Augen für ein paar Atemzüge schließen.
Was hat sich verändert?Augen beweglicher? Hat sich die Spannung an Schläfen und Augenbrauen gelöst? Wirken deine Augen jetzt eher weich und lebendig statt angestrengt?

Welches nimmst du mit?

Du kennst jetzt alle fünf Tools. Bevor du das Workbook schließt: drei Fragen für dich. Lass dir Zeit beim Antworten, die Antwort darf erstmal auch nur ein Wort sein.

Welches Tool hat dir am meisten gutgetan?

Was hast du dabei in deinem Körper bemerkt?

Wo in deinem Tag siehst du eine Stelle, an der du es einbauen willst?

Mach dieses eine eine Woche lang jeden Tag. Eins reicht.

Über Lena

Lena Rothe

Yoga hat mich in meinen frühen Zwanzigern gefunden und ist geblieben, weil es sich nach Zuhause anfühlte. Was als tägliche Praxis in Chile begann, hat mich später durch Ashrams in Indien, kleine Räume in Schweden und Berlin und tägliches Unterrichten in Sri Lanka geführt.

Was sich überall gezeigt hat: Echte Veränderung entsteht nicht durch Anstrengung, sondern durch Sicherheit, Präsenz und feines Zuhören im Körper. Die somatische Arbeit hat dieser Beobachtung eine Sprache gegeben.

SOMATARA ist der Ort, an dem ich das mit Frauen teile, die in Stress und Überforderung einen Weg zurück zu sich suchen.

Bevor du gehst

In den nächsten Tagen kommen fünf Mails von mir, eine zu jedem Tool. Kurz, mit Vertiefung und Journaling-Impulsen zum Mitschreiben.

Geführte Augen-Session

Tool 1 gibt es auch als geführte Mini-Session: kurzer Input, geführte Augen-Praxis, ein Impuls zur Integration. Für deine Augen, deinen Atem und das, was nach der Praxis kommt.

Tool 1 auf YouTube öffnen →

Wichtig: Die Tools in diesem Workbook ersetzen keine medizinische oder therapeutische Behandlung. Wenn du unter chronischen Augenbeschwerden, Migräne oder einer diagnostizierten neurologischen Erkrankung leidest, sprich die Praxis vor dem Üben mit deiner Ärztin oder deinem Therapeuten ab.